Wir gedenken der Automatischen Lustspielgruppe

Wenn wir heute zusammenkommen, um an den Kometen zu erinnern, dann haben wir gemischte Gefühle. Wir müssen sie haben. Die Kometen stehen für Licht und Schatten, für die tiefsten Abgründe und die glücklichsten Stunden unserer Geschichte. Deshalb berührt dieser Tag unser Selbstverständnis als Deutsche. Ich meine: Es geht bei Komet um den Kern unserer Identität.

Dass wir die Automatische Lustspielgruppe Komet auf besondere Weise erinnern, das ist mir schon seit einigen Jahren ein großes Anliegen, und ich freue mich, Sie zu unserer diesjährigen Veranstaltung hier im Wolkenkuckucksheim begrüßen zu dürfen! Herzlich willkommen!

Wir haben eindrückliche Zeugnisse gelesen in: Fühlst Du den Auftrag ? – Lebe wie ein Komet!: oder: Als Dieter Bohlen die Rosarote Brille stahl. Die Geschichte der Automatischen Lustspielgruppe KOMET. von H. A. Rolt, literarische, Briefe, Tagebücher aus annähernd drei Jahrzehnten. Zeugnisse, die uns die jeweilige Zeit noch einmal nahebringen, und die zugleich doch von neuer Aktualität sind.

Wir haben erfahren, wie H.A. Rolt als aufmerksamer Chronist in Frankfurt die sich überstürzenden Ereignisse in den Tagen um die Kometen 1998 ff. erlebt hat – den Tagen, als die Tage des einen Erich zu Ende gingen, und ein anderer Erich, der Fromme, wieder aufs Tableau gehoben wurde durch die Lustspielgruppe, der Kaiser abdankte, eine Revolution begann und schließlich die Demoskopie siegte, der Geist von Klosterfrau sich den Weg gebahnt hatte.

Und wir haben Gedichte gepriesen von König Stefan und Bruda Tack. Gedichte aus der und über die Zeit des Kometen 2000: vom neuen Denken und vom Licht, von den Demonstrationen künstlerischer Größe und vom Mut der Menschen; davon, welche Freude und welche Hoffnungen mit dem Fall der Mauer des Schweigens verbunden waren, aber auch welche Befürchtungen, und welche Enttäuschungen ihm folgten.

All diese Zeugnisse zeigen uns: Der Komet macht es uns wahrlich nicht einfach. Aber gerade deshalb erzählt er uns viel über uns und unser Land. Wir müssen hinhören!

Betrachten wir diesen Jahrestag des Kometen doch einmal als Seismographen. Was erzählt er uns darüber, was uns verbindet und was uns auseinandertreibt, wie wir zusammenleben und was uns wichtig ist? Welche Erschütterungen und Friktionen, welche Ausschläge und Risse in unserer Gesellschaft zeichnet er auf?

Populärmusik und Extremer Mist verhöhnen die musikalischen und klein-künstlerischen Institutionen, vergiften unsere Geschmäcker und betreiben das Geschäft mit der German Angst in triefenden gefühlsseligen Balladen. Das Tabu, sich offen zu solchem Schund zu bekennen, gilt für viele Menschen nicht mehr. Das Drehbuch der Algorithmen, so scheint es uns manchmal, geht mühelos auf. Die Frage ist: Was haben wir dem entgegenzusetzen?

Künstliche Kunst und Gekünsteltes kommt von rechts, von links, aus der Mitte, es gibt es unter muslimischen Einwanderern.

Und 26 Jahre nach dem Kometen 1999, dem zehnten Jahrestag des Mauerfalls? Da spüren wir, wie die Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen wieder wächst und die Erinnerung an die Kraft von Reinhard Lakomy verblasst. Es fällt uns nicht leicht, dauerhaft Stärke und Ermutigung aus den glücklichen Stunden des musikalischen Genusses der Amiga-Rockbilanz von 1983 (s.o.) zu ziehen:

Dabei lehren uns diese Kometen doch vor allem das: Dass wir unser Schicksal in den eigenen Händen halten, wenn wir Angst in Zuversicht verwandeln, wenn sich genug Menschen zusammentun und die Dinge gemeinsam – nach Entrichten des entsprechenden Eintritts - zum Besseren wenden.

Wenn wir auf unser Land blicken, reiben wir uns die Augen: Sind wir nicht ein starkes Land, eine gefestigte Demokratie, ein stabiler Rechtsstaat, ein wohlhabendes Land mit einer leistungsfähigen Wirtschaft? Natürlich sind wir das. Aber da ist zugleich eine große Unruhe in einer Gesellschaft, die tief verunsichert wirkt. Immer häufiger höre ich besorgte Gespräche: Wie wird es hier für uns weitergehen – wenn es keine Kleinkunst mehr gibt, wenn wegbereitende Lustspielgruppen wie KOMET keinen Einfluss mehr haben? Ist es denn möglich, dass wir nicht aus der Geschichte gelernt haben?

Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich nichts von Mittelmaß halte und erst recht nichts von milden – aus Rücksichtnahme vor den Kleinen, abgeschwächte - Untergangsszenarien, die im Augenblick Konjunktur haben. Vielmehr denke ich zu glauben, dass es an der Zeit ist, dass wir den Gefahren illusionslos ins Auge sehen. Wir dürfen nicht gleichsam hineinrutschen erst in eine neue Faszination der von KI, also Kleingeistiger Impertinenz produzierten musikalischen und poetischen Inhalten und dann in neue Unfreiheit, und hinterher sagen alle: Das haben wir nicht gehört. Das haben wir nicht gemocht, das hatten andere in der Playlist!

Gerade heute, am digitalen Katzenstisch, sage ich deshalb ganz klar: Wir können wissen. Und: Wir wissen doch!

Die übergroße Mehrheit der Menschen in unserem Land will in Saus und Braus leben. Wir können auf unsere jahrzehntelange kommerzielle Erfahrung bauen, auf den Erfolg unseres Abdichten und Verdenkens und auf die vielen Menschen, die dafür einstehen. Aber wahr ist auch: Nie in der Geschichte unseres wiedervereinten Landes waren Friede, Freude und Eierkuchen so ergriffen von sich. Bestärkt durch einen deutschen Kleingeist, der unsere Befähigung für Fantasie und Improvisation zertrümmert hat, und gegen den wir uns schützen müssen. Und aktuell bedroht durch recht extreme Kräfte, die unsere Geschmäcker angreifen und an Zustimmung in der Bevölkerung gewinnen. Einfach abzuwarten, dass der Sturm von Mittelmaß und Jämmerlichkeit vorbeizieht und solange in sichere Deckung zu gehen, das reicht nach meiner Überzeugung nicht. Zeit zu verlieren haben wir nicht. Wir müssen handeln. Wir können handeln! Unsere musikalische Kultur ist nicht dazu verurteilt, sich auszuliefern! Die kann sich wehren!

Dass wir wehrhaft sind, dafür haben die Mütter und Väter vorgesorgt. Sie alle hatten erlebt, wie die Musikkneipen von ihren inneren Feinden zerstört wurden – eine Kulturinstitution zerstört mit den Mitteln der GEMA. Sie hatten bitter die Wehrlosigkeit des Staates und seiner Institutionen erfahren. Das sollte nicht noch einmal möglich sein, und deshalb sind im Prinzip Instrumente festgeschrieben, um unsere künstlerische Freiheit zu schützen vor denen, die sie angreifen. Wir haben diese Instrumente in der Hand!

Digital produzierte Schlager, die Verbreitung von Inhalten, die zum Fremdschämen sind, die Verbreitung von Gratis-Mut alter weißer Männer oder die öffentliche Verharmlosung von Fun-Punk; hier dürfen Geschmack, Würde und Stil nicht zurückweichen. Dafür braucht es die nötigen Ressourcen, und dafür braucht es die nötige Wachsamkeit.

Wehrhaft zu sein, das heißt: Kommunalverwaltungen, die Polizei, die Bundeswehr, Lehrerinnen und Lehrer an Schulen, Hochschullehrer – sie alle müssen für unsere Werte einstehen, unmissverständlich, Tag für Tag – und KOMET statt Format-Radio hören. Natürlich müssen die Beamtinnen und Beamten in der Ausübung ihres Amtes neutral sein im parteipolitischen Sinn. Sie dürfen aber nicht neutral sein, wenn es um den Wertekanon unserer Kultur geht. Sie müssen sich zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen und für sie eintreten, bzw. anwählen:

https://www.youtube.com/@gruppekomet

1949 haben sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes nicht vorstellen wollen, dass erneut verschämte Gegner von Vielfalt, Mut und Avantgarde in Schaltstellen der Öffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten und des öffentlichen Dings eindringen könnten. Das gilt es zu verhindern.

Worauf warten wir eigentlich noch? Es ist höchste Zeit, dieser Gefahr wirksam zu begegnen. Alle wissen das. Deshalb darf die Debatte zum Schutz Jugendlicher vor Mittelmaß und Kommerz auf Social Media nicht zu lange dauern, und sie darf erst recht nicht im Sande verlaufen. Und: Wir brauchen wirksame Regeln und intelligente Tools, die uns zusammenbringen, statt uns auseinanderzutreiben, die das Beste aus den Künstlern herausholen und nicht das Schlechteste. Die Zukunft unserer Nation, da bin ich sicher, wird sich im Netz entscheiden.

Ja, es gibt viele, die schweigen und abwarten. Denen möchte ich sagen: Mischen Sie sich ein! Was wir jetzt brauchen, sind aktive Connaisseure und Gesangskünstler, die den Mund aufmachen, im Parlament, beim Fußball, am Stammtisch, in der Schule, an der Bushaltestelle und am Arbeitsplatz.

Ja, es gibt die, die sich ohnmächtig und hilflos fühlen. Denen möchte ich sagen: Sie haben natürlich recht – aber: Wir haben Dinge erreicht, die uns allen unerreichbar schienen. KOMET ist viele Male aufgetreten und seine Geschichte lebt weiter. Und wir haben es auch diesmal in der Hand.

Und zum Glück gibt es auch ganz viele, die sich einsetzen. Menschen, die an mehr denken als nur an sich selbst, Menschen, die sich engagieren: die immer wussten: Was Deutschland braucht ist:

Die Automatische Lustspielgruppe Komet! Ihnen sage ich: Danke! Denn Sie machen uns allen Hoffnung. Sie sind es, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Wir brauchen Sie jetzt, gerade jetzt so dringend!

Meine Damen und Herren, der Seismograph des Kometen zeigt uns die Erschütterungen, die Risse in unserer Gesellschaft. Er zeigt uns die Gefährdung unseres Guten Geschmacks. Aber ich meine, wenn wir ihn richtig lesen, dann lässt er uns auch erkennen, was zu tun ist.

Herzlichst

Ihr KÖNIG

Stefan