Ein Raum für das Unaussprechliche
„Xenoxymoron ist ein experimenteller Raum in Berlin – für Sprache, Kunst und digitale Fragmente. Hier stoßen Kontraste aufeinander, Paradoxien werden nicht erklärt, sondern gelebt. Eine Sammlung aus Textsplittern, Bildern, und poetischen Zwischenräumen. Für alle, die lieber fragen als scrollen.“
Zwischen den Worten. Davor. Danach. Nicht alles will gesagt werden.
Scroll weiter, wenn du’s eilig hast.

Vom Rand der Dinge – ein Flüstern
Gedanken – fragmentarisch notiert
Sternenstaub
_Ein literarisches Gedankenexperiment_
Wir bestehen aus Sternenstaub. Das ist keine Metapher. Es ist Wissenschaft. Und es ist Poesie. Es ist das, was bleibt, wenn das Universum atmet, explodiert, sich erneuert. Aus dieser Asche wurden wir geboren – nicht als Krönung, sondern als Möglichkeit.
Doch mit jeder technischen Errungenschaft, mit jedem neuen System der Ordnung, scheint der Mensch nicht weiser, sondern nur lauter geworden zu sein. Wir leben im digitalen Zeitalter, der Informationsfluss ist global, sofort, allgegenwärtig. Und dennoch: Das Vergessen geht schneller denn je. Wir haben Zugang zu allem, aber behalten nichts. Die Geschichte liegt offen vor uns, und wir scrollen daran vorbei.
Zwischenspiel I Cicero tritt auf, den Blick nicht verklärt, sondern müde wach.„Ihr glaubt, Dekadenz sei ein neues Phänomen? Ich sah sie kommen, als Brot und Spiele genügten, um die Republik zu zersetzen. Moral stirbt leise. Und dann plötzlich: alle gleichzeitig.“
Zwischenatmung
Die Warnungen sind alt. Cicero wusste um die Gefahr des moralischen Zerfalls in gesättigten Gesellschaften. Diderot schrieb seinen fatalistischen Jacques nicht als Spielerei, sondern als Spiegel für das Verhältnis von Freiheit, Denken und Verantwortung. Epikur und Seneca fragten nach dem guten Leben, nicht in Theorien, sondern im Angesicht von Tod und Macht. Viktor Klemperer hielt mit sprachlicher Akribie fest, wie das Böse sich nicht durch Gewalt, sondern durch Gewohnheit verbreitet. Und Hannah Arendt erkannte, dass das Grauen des 20. Jahrhunderts nicht in seinen Exzessen lag, sondern in seiner Gedankenlosigkeit.
Zwischenspiel II
Diderot sitzt auf einem unsichtbaren Fass.„Jacques, mein alter Diener, würde heute noch sagen: ‘Es ist alles geschrieben.’ Aber ich glaube, ihr lest nicht mehr.“
Zwischenatmung
Die Namen ändern sich. Die Mittel auch. Aber das Muster bleibt. Immer wieder. Das kollektive Kurzzeitgedächtnis des Menschen scheint evolutionär verankert. Die Mauer, der Holocaust, die großen Kriege – für viele nur noch Daten, nicht mehr Warnzeichen. Dabei war nie zuvor die Möglichkeit so groß, sich zu informieren. Und nie zuvor die Gleichgültigkeit so umfassend.
Zwischenspiel III
Klemperer spricht ohne Pathos.„Ich habe beobachtet, wie Sprache vergiftet wird. Es beginnt mit kleinen Wörtern. Und endet mit großem Schweigen.“
Zwischenatmung
Die digitalen Systeme, die alles wissen könnten, dienen der Zerstreuung. Die Maschinen, die uns entlasten sollten, treiben uns in geistige Erschlaffung. Und die Stimmen, die uns aufklären wollen, klingen leiser als je zuvor in der Kakophonie der Empörungskultur. Und während die Massen sich in hitzigen Debatten verfangen, deren Halbwertszeit in Stunden zu messen ist, verstummen die leisen Mahner. Die, die mit Blick auf Geschichte, Sprache und menschliches Verhalten sagen könnten: "Achtung, das kennen wir schon."
Zwischenspiel IV
Arendt lehnt am Rand, den Blick fest.„Gedankenlosigkeit ist kein Defekt. Sie ist ein Prinzip. Und ihr kultiviert sie wie eine Tugend.“
Atempause
Doch es gibt sie noch: die Fragenden. Die Suchenden. Die, die zuhören, obwohl niemand mehr redet. Die sich erinnern, obwohl alles darauf ausgelegt ist zu vergessen. Nicht laut, nicht viele. Aber sie sind da. Und sie halten fest, was zählt.
Vielleicht ist das der letzte Beweis für unser Menschsein: dass wir trotz allem noch in der Lage sind, uns dem Strom zu widersetzen. Zu denken. Zu erinnern. Zu bewahren.
Wir sind Sternenstaub. Aber nur, wenn wir es begreifen, kann aus Staub auch Verantwortung werden.
***Die im Text wiedergegebenen Aussagen historischer Persönlichkeiten sind keine wörtlich überlieferten Zitate, sondern ein literarisches Gedankenexperiment. Sie spiegeln den möglichen Geist, die Haltung und den Denkhorizont dieser Stimmen, wie sie aus ihren Werken und Biografien hervorgehen könnten – gesprochen in unsere Zeit hinein.
Sternenstaub-Krümeltheorie?
„Geschichte wiederholt sich nicht, aber Menschen wiederholen Geschichte.“
J. L
Du bist zu idiosynkratisch?
Tagesplan (realistisch, nicht optimiert, überlebensfähig)
08:00 – Aufwachen
Nicht heroisch. Einfach wach. Existenz akzeptieren, aber nur widerwillig
10:30 – Irgendwas Produktives
Schreiben. Lesen. Ein Wort entdecken (z. B. wieder eins, das keiner braucht).
13:00 – Essen
Nicht aus Hunger, sondern aus Strukturgründen.
14:00 – Müdigkeit & Zweifel
Obligatorisch.
Hier denkst du: „Warum mache ich das alles?“
Antwort: später. Oder nie.
16:00 – Kleine, unnötige Handlung
Spaziergang. Musik. Fenster anstarren.
Das hält den Menschen funktionsfähig.
19:00 – Abend
Du existierst weiter. Überraschung.
22:00 – Schlaf
Mit dem beruhigenden Gefühl, nichts Großes kaputt gemacht zu haben.
Glanz im Schatten des Algorithmus – Ein Zyklus postmoderner Leiden in Zweizeilern und einem Hauch Zweifel
„Was ich hier tue, ist kein bloßer Widerspruch – es ist ein Xenoxymoron. Ein Paradox, das du erst begreifst, wenn du dich vom Begreifen verabschiedest.“
„Stille ist kein Zustand. Sie ist der Lärm, der sich nicht zeigt. So sprach Zernistra.“
...diesen leicht wahnhaften Denker, der angeblich einmal sieben Jahre mit einem Mönch und einem Pferd geschwiegen hat, nur um dann ein einziges Wort zu sagen: „Vielleicht.“
Der Mann, der das Konzept des „Ontologischen Flimmerns“ eingeführt hat – also die Idee, dass Sein nicht ist, sondern beinahe ist, sofern man es nicht ansieht, nicht benennt, nicht kategorisiert.
Ein Pionier des Konjunktivs.
Ein Gegner aller Definitionsversuche.
Ein Meister des aufgeschobenen Denkens, dessen Hauptwerk „Eine Annäherung an Nichts in vier undeutlichen Kapiteln“ leider nur in Form von Fußnoten überlebt hat.
Xenoxymoron: Beobachtungen aus der Unschärfe.
Ein Traum, der seine Wucht verlor
Worte wie Diversität, Inklusion und Antirassismus klingen gut – doch was bleibt, wenn man sie hinterfragt? Ein Text über Sprache, Macht und die Gefahr, dass Haltung zur Hülse wird.
Wenn ich heute lese, wie selbstverständlich große Unternehmen sich zu Diversität bekennen, wie leicht Begriffe wie Inklusion, Antirassismus und Empowerment über Webseiten und Werbekampagnen gleiten, frage ich mich manchmal:
Wann ist die Wucht dieser Worte verloren gegangen? Wann wurden sie so leicht, dass man sie herumwerfen kann wie Konfetti – und alles sieht gut aus?
Ich denke dann an Dr. Martin Luther King. An James Baldwin. An Menschen, deren Worte nicht zur Beruhigung gedacht waren, sondern zur Erschütterung.
King sprach von einem Traum, aber er sprach ihn in einer Welt, in der dieser Traum tödlich sein konnte – für ihn, für viele andere.
Baldwin schrieb mit Schärfe, mit Würde, mit Mut. Auch er hat seinen Preis gezahlt – mit jedem Satz, den er schrieb. Ohne Rückzug. Ohne Absicherung.
In einer Welt, die Begriffe entleert und verklärt, erinnert Baldwin uns daran, worum es wirklich geht:
„Alle westlichen Nationen wurden der Lüge überführt. Der Lüge ihres angeblichen Humanismus. Damit hat ihre Geschichte keine moralische Rechtfertigung – und der Westen keine moralische Autorität.“
Seine Worte wirken radikal.
Doch wer hinsieht, erkennt darin nicht Übertreibung – sondern schlichte Wahrheit.
Was Baldwin beschreibt, zeigt sich nicht nur in großen historischen Linien – es lebt weiter in den Fundamenten unserer Gegenwart.
Wenn man sich die Geschichte anschaut: Kolonien, Sklaverei, Vertreibung, Enteignung – alles betrieben im Namen von Fortschritt und Ordnung.
Wer Rassismus heute verstehen will, muss nicht bei Beleidigungen anfangen.
Sondern bei Besitz. Bei Systemen. Bei der Frage, wie ein Bild vom „Anderen“ erfunden wurde, um Macht zu sichern.
Und wenn ich sehe, wie leicht heute mit Worten jongliert wird – wie glatt die Sätze klingen, wie gut die Broschüren gestaltet sind –, dann denke ich an einen Satz, den man Alexander von Humboldt zuschreibt:
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die sie nie angeschaut haben.“
Und genau das scheint mir das Problem zu sein:
Dass viele die Welt beschreiben, aber sie nie wirklich angeschaut haben.
Dass sie Begriffe benutzen, ohne die Wirklichkeit dahinter zu kennen. Und dass sie sich mit Worten aufwerten, anstatt Strukturen infrage zu stellen.
Ich nutze hier Zitate – nicht, um mich größer zu machen. Sondern weil andere manchmal die Worte finden, die mir selbst fehlen. Worte, die ich nicht nur zitiere, sondern mittrage – weil ich sie verstanden habe. Weil sie mir begegnet sind, lange bevor ich diesen Text geschrieben habe. Und weil sie mir helfen, das auszudrücken, was ich so oft fühle – aber nicht immer in einem Satz fassen kann.
Rassismus ist kein Irrtum. Kein Missverständnis. Rassismus wurde gemacht. Mit Absicht.
Er wurde gebaut, um Besitz zu sichern. Um Menschen zu klassifizieren. Um Arbeit zu steuern. Um auszubeuten, ohne sich schuldig zu fühlen.
Er ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern aus einem ganz konkreten Interesse: Wer gilt als Mensch – und wer als Mittel zum Zweck?
Das ist der Boden, auf dem viele der heutigen Strukturen gewachsen sind. Auch wenn sie heute anders aussehen: in Konferenzräumen statt auf Feldern, in Algorithmen statt in Peitschen. Nur die Kulisse hat sich verändert – die Fragen sind geblieben:
Wer darf mitreden?
Wer wird gehört?
Wer gilt als kompetent – und wer als Risiko?
Aber genau deshalb frage ich mich:
Warum sprechen wir so wenig über das, was Menschen wirklich abhält, sich frei zu bewegen – in Wäldern, in Städten, in Gesprächen?
Es ist nicht nur die Hautfarbe. Es ist auch das Konto. Der Wohnort. Die Sprache. Die Scham. Die Müdigkeit. Die psychische Erschöpfung, die sich über Jahre aufbaut, wenn man ständig erklären muss, warum man dazugehört. Der tägliche Kampf um genug.
Vielleicht geht es auch darum, wie vielen Menschen die Mündigkeit genommen wird – nicht juristisch, sondern faktisch.
Weil ihnen zugehört wird, aber nicht geglaubt. Weil sie reden dürfen, aber nicht entscheiden. Weil sie sichtbar sind, aber nie gemeint.
Ein Beispiel:
Stell dir vor, du sitzt im Auto. Du wirst geschnitten, es war knapp, gefährlich. Im Bruchteil einer Sekunde siehst du: Am Steuer sitzt ein „Schwarzer“. Und jetzt ganz ehrlich – denkst du in diesem Moment wirklich:
„Da hat mich ein People of Color geschnitten“?
Ich finde mich in diesen Begriffen nicht wieder. Sie ordnen mich ein. Sie beschreiben mich nicht – sie rahmen mich.
Ich bin kein farbiger Mensch. Kein Mensch mit Migrationshintergrund. Ich bin auch nicht „Afrodeutsch“.
Ich bin ein Mensch. Punkt.
Und ich frage mich:
Was hätten Martin Luther King oder James Baldwin gesagt – „Ihr habt neue Worte für die Welt gefunden. Und ist sie dadurch wirklich anders?“
Ich glaube nicht.
Ich lebe mit Menschen. Höre zu, stelle Fragen, beobachte, begleite.
Nicht, um mich in Szene zu setzen, sondern um zu zeigen: Ich bin Teil dieser Welt.
Einer, der nicht nur über Sprache spricht, sondern auch über das, was darunter liegt.
Ich bin hier, um mich auszutauschen. Um mitzudenken, mitzufühlen, mitzureden. Aber nicht, um mich zu verkaufen.
Sondern weil ich glaube, dass man nicht schweigen sollte, wenn etwas schiefläuft – auch wenn es gut gemeint ist.
Ich glaube: Wir können nicht ändern, was wir nicht sehen wollen.
Und solange alte Muster in neuen Formen weitermachen, bleibt alles beim Alten – nur mit besserem Slogan.
Glänzende Worte beruhigen oft mehr, als dass sie etwas bewegen.
Dabei reichen die Wurzeln tief. Wer wirklich verändern will, muss tiefer graben. Auch dorthin schauen, wo es unbequem wird. Wo nichts mehr gut klingt – aber vielleicht endlich ehrlich.
Vielleicht ist dieser Text zu vorsichtig für die einen, zu unbequem für die anderen. Vielleicht passt er in keine Schublade – nicht eindeutig wütend, nicht eindeutig versöhnlich.
Aber vielleicht ist genau das nötig: Dass wir uns wieder trauen, Zwischentöne auszuhalten. Uneindeutigkeit. Komplexität.
Wenn dieser Text also etwas ist, dann ein Versuch. Kein Urteil. Kein fertiges Konzept.
Nur ein Moment der Klarheit – mitten im Durcheinander.
Vielleicht fängt Veränderung genau dort an.
Geh nicht gelassen in die gute Nacht (nach Dylan Thomas)
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Brenne, rase, wenn das Dunkle sich legt.
Dem sterbenden Licht trotze – Wut entfacht.
Der Weise billigt der Dunkelheit Macht,
weil keinen Funken je sein Wort erregt.
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Dem sterbenden Licht trotze – Wut entfacht.

Xenoxymoron: Was bleibt, wenn man nach Bedeutung sucht.
Gegenstandslos
Ein Text über Wahrnehmung, Bedeutung und das Verblassen von Echtheit.
Eine Frau und Mutter steht mit ihrem Kind in einer Galerie
und betrachtet eine Leinwand,
auf der mit weißer Farbe – und nichts weiter – ein Bild entstanden ist,
unter dem steht: **90.000 Euro**,
und darunter eine kurze Beschreibung, ein Sujet:
> *Dieses Gemälde von Gustav K. stellt eine zeitlose versinnbildlichte Anthologie über die Überflüssigkeit des menschlichen Geistes in einer sich entfremdenden Welt dar.*
---
Das Kind fragt die Mutter:
> „Mutter, wo ist denn das Bild?
> Ich dachte, wir sind in einer Galerie und wir schauen uns Bilder an.“
Hm, Karl, so heißt das Kind.
> „Siehst du’s denn nicht? Wir stehen doch direkt davor. Das ist hohe Kunst.“
Das Kind blickt vom Bild zur Mutter, von der Mutter zum Bild –
und fragt:
> „Aber hier ist doch nur ein Bild mit einer weißen Oberfläche und weiter nichts?“
Die Mutter antwortet, ruhig,
ohne den Blick vom Bild abzuwenden,
in einem schon fast allwissenden Tonfall:
> „Karl, das ist hohe Kunst.
> Dein Verstand ist noch nicht groß genug, um diese geistreiche Komposition zu verstehen.
> Wenn du älter bist und ein kluger, gelehrter Mensch, dann verstehst du es.“
Karl blickt hinauf zu seiner Mutter,
wobei sich seine Stirn runzelt – und fragt:
> „Mutter, was bedeutet denn geistreich?
> Eine geistreiche Komposition?“
Die Mutter antwortete,
während sich ihre Augen verdrehten
und sich die Hand, die zuvor noch den Jungen festhielt, langsam löste:
> „Du wirst es verstehen,
> wenn du so alt bist, dass du es verstehen kannst.“
Karl schiebt seine Hand,
die eben noch die Mutter festhielt, in seine Hosentasche,
wobei sein Blick immer noch auf dem Bild haftet.
> „Wann bin ich denn so alt, dass ich es verstehen kann?“
Die Mutter blickt auf den Jungen herab.
Auch ihre Stirn hat ihre Form verändert.
Ihre Augenbrauen haben sich gewölbt.
Zusammengekniffen sind ihre Augen,
die sich eben noch drehten.
> „Du bist so alt,
> wenn du aufhörst, solche Fragen zu stellen.“
---
In diesem Augenblick tritt ein Mann von hinten
zwischen Karl und seine Mutter,
zieht seinen Hut und macht fast einen kleinen Knicks –
und sagt in einem sich selbst überschätzenden Ton:
> „Hallo Frau Schulz, schön, dass Sie auch hier sind.
> Gibt es heute in der Wäscherei nicht viel zu tun?
> Ich werde morgen bei Ihnen vorbeikommen
> und habe schon ein Paketchen geschnürt,
> so wie ich es ja immer tue.“
Dabei drängt er sich weiter zwischen Karl und seine Mutter,
sodass Karl aus dem Blick der Mutter zu verschwinden begann.
Sich leicht räuspernd, fügte er noch hinzu:
> „Ja, das ist wahre Kunst.“
*(Wobei sein Blick sich nicht vom Gesicht der Mutter löste.)*
---
Die Mutter, sichtlich irritiert,
sich ebenfalls räuspernd,
wobei sie eine kleine Faust bildete,
um sie vor ihren Mund zu halten:
> „Herr Meier“ –
> (wobei ihre Stimme fast zerbrach) –
> „schön, Sie auch hier zu sehen, nicht wahr?
> Ja, das ist wahre Kunst.
> Und Karl ist auch noch hier.“
*(Wobei ihr Blick Herrn Meier musterte
und sie erst in diesem Moment realisierte,
dass Karl aus ihrem Blick entfernt wurde.)*
Frau Schulz tastete den Körper des Herrn Meier
mit demselben Blick,
wie sie zuvor das Bild betrachtet hatte.
Sie suchte –
und fand dort Nichts,
außer das Offensichtliche.
In diesem Moment
zog sich das Kind,
indem es an dem Hosenbein Herrn Meiers zerrte,
ins Bild –
und somit in den Blickfang der Mutter zurück.
> „Ach, Karl, da bist du ja.
> Wo hast du denn nun wieder gesteckt?“
*(Als wäre eine Ewigkeit vergangen.)*
Karl blickte verstört und fast schuldig in das Gesicht der Mutter,
wobei ihm im selben Moment der Blick des Herrn Meier traf.
> „Ich war hier“, sagte Karl,
> „so wie ich die ganze Zeit hier war,
> um das zu tun, worum wir hier waren –
> und sind.“
Dabei drehte er sich wieder um –
sein Blick haftete wieder auf dem Bild.
> „Sei nicht klüger, als du bist“, sagte die Mutter in bissigem Ton.
> „Du bist nur hier, weil ich es so wollte.
> Aber ich hab’s schon gemerkt.
> Dass du nichts verstehst.“
Karl zuckte für einen kurzen Moment innerlich zusammen,
als er den Tonfall der Mutter vernahm –
und die Bedeutung ihrer Worte sich verständlichten in seinem Innersten.
> „Mutter, du wolltest mir doch erzählen,
> was geistreich bedeutet.
> Und eine geistreiche Komposition.“
---
Herr Meier, sich glaubend wieder in Szene setzen zu müssen,
räusperte sich erneut und sagte:
> „Ja, ja, diese Kinder heutzutage –
> immer wollen sie etwas wissen.
> Und wenn man ihnen etwas sagt,
> dann zweifeln sie es an.
> Was soll nur werden,
> wenn die Kinder den Erwachsenen nicht mehr glauben
> und denken,
> etwas Neues, etwas Besseres hervorzubringen
> als die erfahrenen …“
Er stockte
und suchte nach einem Wort,
um den Satz zu Ende bringen zu können.
Doch Frau Schulz unterbrach ihn in seinem Gedankenabszess:
> „Du musst nicht alles wissen, Karl.
> Du bist noch ein Kind.
> Außerdem habe ich dir immer wieder gesagt:
> Wenn Erwachsene sich unterhalten,
> dann darfst du sie nicht unterbrechen.“
Und mit dem letzten Wort
wanderte ihr Blick wieder zu Herrn Meier.
Auf Augenhöhe.
Sie schüttelte den Kopf,
wandte sich ihrerseits wieder dem Bild zu und sagte:
> „Ist das nicht ein schönes Kunstwerk?
> Es sagt so viel
> und hat eine so weitreichende Bedeutung.“
*(Wobei sie das Wort „weitreichende“ auseinanderzog
wie einen schon längst ausgekauten Kaugummi.)*
> „Genau“, stimmte Herr Meier ein.
> „Sie sagen es, Frau Schulz, Sie sagen es.
> Was für eine Komposition – eine geistreiche.
> Man kann nur vor Erhabenheit innehalten,
> wenn man dieses Gemälde betrachtet.
> Aber der Preis ist doch ganz schön hoch, finden Sie nicht?“
Dabei kniff er die Augen zusammen wie ein Fuchs –
und taxierte abwechselnd das Bild und Frau Schulz.
---
Karl, durch die Wortfetzen des Herrn Meier
sich selbst wieder in Erinnerung zu glauben gebracht,
sagte seinerseits:
> „Geistreich, ja Herr Meier –
> geistreich.
> Und Komposition.“
Frau Schulz, nun gänzlich genervt
und aufgeschreckt durch die Unbeirrbarkeit ihres eigenen Sohnes,
schrie schon fast im Mezzosopran:
> „Schweig doch endlich, Karl –
> wenn sich zwei geistreiche Menschen unterhalten
> über Kunst und Gedanken des Lebens,
> die du noch nicht verstehen kannst!“
Und Herr Meier,
durch die Worte der Mutter zu einer Art Selbstermächtigung geführt,
stimmte zustimmend,
nickend
und auf Karl herabblickend:
> „Richtig.
> Das solltet ihr lernen.
> Zuhören.
> Eine Tugend.
> Oder war es eine Weisheit?
> Heutzutage hört niemand mehr zu,
> wenn etwas Geistreiches gezeigt oder gesagt wird.“
Dabei riss er die Augen auf,
als würde es zur Untermauerung und Verfestigung seiner Worte beitragen.
---
Diese scheinbare Symbiose,
die zwischen Herrn Meier und Frau Schulz in diesem Moment entstanden war,
zerbrach mit den Worten des Kindes
wie eine Blase der Nichtigkeiten:
> „Ich weiß nicht,
> ob das eine geistreiche Komposition ist –
> aber Kunst macht mich hungrig.
> So wie die Fragen ohne Antworten.
> Ich habe Hunger.
> Können wir nach Hause gehen?“
Am größten ist das Glück, wenn es ganz klein ist.
Franz Kafka