
Xenoxymoron: Sprache trifft digitale Fragmente. Irgendwo in Berlin.
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Eine Antibiographie
Prolog
- (Sieberts Einbildung und Sturz)
Ich konnte ihr Haar riechen, ihren Atem spüren und ich fühlte alles in einem einzigen Augenblick,
jenseits von Zeit und Raum.
> -Wenn ein Sturm kommt, und du stehst vor einem Baum, und achtest nur auf die Zweige schwörst du, dass er fallen wird.
> Doch schaust du auf den Stamm, erkennst du seine Beständigkeit.-
> Indigenes Sprichwort
Sie riss mich an sich, während sich ihre riesigen spinnenhaften Arme um meinen zerschundenen Körper wickelten. Ihre Stirn wurde zu einem Tor, das man nicht öffnen wollte. Ihre Adern traten glühend hervor, und ich sah mich dem Tode nahe.
Sie liebkoste mich zärtlich und riss mich im selben Moment aus meinem seligen Zustand. Ihre Brust spannte sich an, und ich kam mir vor, als würde ein Hammer auf mich niedergehen, als sie mich mit ihrem medusalichen Haupt schlug. Taumelnd hing ich in der Luft. Ihre breite Brust, ihr riesiger Kopf kamen mir vor wie das Tor der Verdammnis – wie auf Fresken, die den Abstieg in die Hölle bezeugten, an den Wänden gotischer Kathedralen.
Sie schüttelte mich, bis mir die Luft wegblieb. Dann drückte sie zu – und ich erstickte.
Doch ich war nicht tot. Es war nur Ohnmacht, die mich tröstete wider dem Tod.
Und während ich noch über diesen Liebesakt nachdachte, hörte ich wieder ihre zärtliche Stimme im Hintergrund, als sie den Kerker aufschloss…
In jenem Moment, war ich wirklich frei. Ich liebte ihre Lust, die sich jedes Mal an mir verging. Ich war ein Teil von ihr – zertrümmert in ihrer Welt, da sie von meiner nichts mehr übrig ließ.
Mit letzter Kraft drehte ich mich um. Ich sah, wie sie tobend wie Medea auf mich zukam, mit weit aufgerissenen Augen. Ich sah ihr tierisches Verlangen – und dass sie mich jetzt endgültig ins Jenseits treiben würde.
> „Herr Siebert? Herr Siebert, sind Sie da?“
Ich öffnete langsam meine Augen und erblickte einen Mann, der über mir gebeugt mit einer kleinen Taschenlampe in meine Augen leuchtete.
> „Sie haben vergessen, Ihre Medizin zu nehmen. Man hat Ihnen doch gesagt: jeden Tag zwei Tabletten vor dem Schlafengehen – sonst werden Sie nicht wieder gesund.“
Ich zuckte zusammen. Was war geschehen?
Ich konnte mich nicht erinnern, wie ich hierher gelangt war.
Wo war ich?
Wer bin ich?
Tag 1
- (Ortsbeschreibung / Außenwelt)
Es roch nach Erbrochenem, Urin, ausgetretenen Zigaretten und Abfall. Die Nebelschwaden verflüchtigten sich gerade und versuchten, dem Tag etwas Optimismus zu geben, bevor der Tag wiederum merkte, dass es Orte gibt, an denen er lieber der Nacht nicht gewichen wäre, um Dinge im Dunklen zu lassen, die nicht für das menschliche Auge gedacht.
Das Haus, wenn man es so nennen möchte, glich einer Ruine – und würden nicht Wäscheleinen aus den Fenstern hängen, könnte man annehmen, dass niemand mehr dieses Fragment bewohnen würde.
Öffnete man die schwerfällige Tür, was nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang, zerriss ein der Anblick von dem, was man unter dem schimmrigen Licht wahrnehmen konnte, innerlich – und man war geneigt, den Vorgang des Öffnens und Eintretens zu beenden, bevor er vollendet war.
Die wenigen Briefkästen, denen man noch ihre ursprüngliche Funktion ansehen konnte, waren nicht nur durch ihre konzeptionelle Leere, sondern durch den schon fast schreienden Wunsch, nicht mehr als Empfänger gelten zu müssen, gezeichnet.
Und während sie die verblichenden Namen auf ihren verrosteten Körpern trugen, glichen sie im faden Lichtschein der müden Glühbirne dem letzten Monument dessen, dass hier mal ein Mensch
gelebt, gewartet, gehofft.
> Siebert. Siebert, grummelte der Briefträger vor sich her und versuchte mit fast zugekniffenen Augen zu erkennen, was auf den verblichenen Briefkästen zu entdecken war.
Ein Zucken huschte über sein Gesicht, kaum wahrnehmbar.
Doch die Erleichterung, dass er wohl endlich am Ziel seines Suchens war, verzog sich so schnell von seinem Antlitz, wie sie gekommen.
Er stopfte den Brief in den Schlund des erstarrten Kastens,
drehte sich auf seinen gequälten Schuhen
und verließ – ebenso schnell wie das Zucken –
diesen Ort des Vergehens.
---
Anna S.
- I (Entsubjektivierung)
Anna S. erwachte – so, wie sie jeden Morgen erwachte:
Nicht laut. Nicht leise. In ihren Gedanken.
Eigentlich dachte sie nie – selbst wenn sie erwachte. Oder schon wach war. Oder eben, wenn sie zu Bett ging.
Sie war einfach da.
Die letzten Dekaden ihrer Existenz waren geprägt von Automatismen, Routinen, Schemata, mechanischen Abläufen.
Wäre der Spiegel, der sich gegenüber ihrem kleinen, ängstlichen, einsamen Bett befand, der Erzähler –
und wäre das Spiegelbild die Bebilderung dieser Szenerie –
so gäbe es keine Synchronisation.
Die Wirkung käme vor der Ursache.
Das Erheben ihres Körpers war kein Ereignis. Kein Erleben.
Keine Bewegung, die man wahrnehmen würde.
Eine unendliche Aneinanderkettung von Sinnfreiheit, Nicht-Existenz und Hohlkörperarithmetik.
In dieses Stillleben, das keines war –
in dieses Standbild, das man nicht sah –
schwebte polternd und schreiend, durch das trübe, geöffnete Fenster, ein Federlein in die schmerzhafte Kammer hinein.
Und die Feder zerriss – durch den Nachhall ihrer einstigen Schwingungen – das Nicht-Bild, das Nicht-Sein, der Anna S.
> Anna S. – dachte.
Zwischenspiel – Siebert
- Siebert (Zersetzung der Sprache)
Ich bin nicht der, der ich nicht bin.
Ich bin nicht. Lächerlich.
Du bist es doch.
Ja, früher.
Früher war ich.
Jetzt bin ich nicht.
Doch wenn ich früher war
und jetzt nicht bin …
Siebert stoppte.
Er sah im Spiegel das Bild eines alternden Mannes,
der sich selbst nicht erkannte.
Flüchtig ergriff ihn der Gedanke, weiterzugehen –
um dem Feindbild seines Spiegelbildes
nicht länger standhalten zu müssen.
Doch er stoppte – weiter.
Er hob den verbeulten, quengelnden Hut
von seiner stillschweigenden Hilflosigkeitsstirn.
> „Ich bin nicht der, der ich nicht bin.“
> „Ich bin nicht“, mummelte er.
> „Nichts sagend.“
> Nichts gehört.
> Nichts gedacht.
Er wollte den sprachlosen Mantel ablegen.
Doch in seinen hilflosen Händen
gängelte ihn sein trauriger Hut in der einen –
und zerschnitt ihn der weiße, weiche, scharfe Brief,
den er eben noch so schwerlastig
die Treppe hinaufgetragen hatte – die andere Hand.
Sich nun endlich dieser Szenerie bewusst,
stoppte er das Stoppen.
Er zwang sich, den Hut abzulegen –
wie eine Angewohnheit, die man ablegen musste.
Doch der schneidende Brief in seiner rechten Hand
weigerte sich,
sträubte sich,
dem Schicksal des Hutes zu folgen.
Siebert ließ nun linksseitig den Mantel herabgleiten,
sodass dessen Sprachlosigkeit
durch das entstehende Geräusch endete.
Dabei vermied er fast krampfhaft,
die Symbiose zwischen Brief und Hand,
die gerade entstanden war,
zu zerstören.
Er zwängte den Brief.
Und der Brief wurde gezwungen,
durch den Ärmel des Mantels hindurch.
Da sich die Finger seiner Hand nicht beugten,
beugte sich der Brief.
Starr blickte Siebert
auf das Resultat seines Handlungskonstrukts.
Auf dem ahnungslosen Boden
lag nun – schreiend – der abgestoßene Mantel.
Und in seiner Hand:
der sich nun fürchtende Brief.
---
Anna S.
- II (poetisch-mythologische Innenszene)
Anna S. stand mittig in ihrem kleinen Zimmerlein.
Sie dachte –
und sie handelte,
indem sie die Feder vom Boden aufhob.
In diesem Moment sah man,
wenn man genau hinschaute,
die in ihr einst vorhandene Anmut.
Sie erwachte.
Sie hielt – mit ausgestreckten Händen vor sich –
die Feder,
als trüge sie das schönste
und kostbarste,
verletzlichste Etwas,
das je ein Mensch mit seinen Händen
berührt,
getragen.
In ihrem Blick –
und in ihren Augen –
spiegelte sich nicht die Feder,
sondern ihr Leben.
In diesem ikonischen Augenblick,
der Erkenntnis des Leidens ihres Lebens –
wie Hölderlin es nannte: *bewusst* –
wirkte alles wie eine Sentenz –
eine in Stein gemeißelte Abhandlung
eines Augenblicks,
der sich durch einen einzigen Satz manifestierte.
Man war wahrhaftig geneigt,
sich die Bilder von Daedalus vorzustellen,
über die Pausanias sagte:
ihr Anblick habe, bei all ihrer Einfachheit,
etwas Göttliches gehabt.
*(Fragment aus Hyperion, Hölderlin)*
So wie sie eben stand,
sank sie sanft nieder
auf den kalten, fremdartigen, einsamen Boden ihres Zimmerleins.
Die Arme ausgestreckt,
die Feder tragend,
vergrub sie sich,
verloren in ihrem Schoße –
auferstanden in ihrem Geist.
ZERNICHTUNG
Die Tür öffnete sich.
Der Mann trat ein.
Die Tür schloss sich.
Er war wieder im Zimmer.
Dann ging er.
Tür auf – er hinaus – Tür zu.
Das Zimmer: leer.
Niemand mehr da.
Er blinzelte in die Sonne.
Sie blendete ihn.
Doch er blieb stehen.
Eine Frau näherte sich von hinten.
Er bemerkte sie nicht.
Ein Baum ragte auf.
Der Stamm dick, die Krone hoch.
Ein Baum, zwei, drei –
bis aus einem Wald wurde.
Der Specht klopfte gegen das Holz,
bis ihm der Schnabel brach.
Sein Kopf schmerzte.
Sein Wille zerfiel.
Die Frau sagte: Bäume, Bäume, überall Bäume.
Die Bäume schwiegen.
Der Specht war betrunken.
Der Mann war weg.
Er kam aus dem Wald –
doch er war nicht mehr allein, als er ging.
Er wusste nicht, ob er hier war.
Der Wald lag hinter ihm.
Das Land weit.
Die Frau: fort.
Die Sonne ging nicht auf –
und war doch da.
Der Himmel: weit,
ohne Trost.
Er verstand nicht, warum er blieb.
Er war der Mann, der nie zurückblickte.
Doch auch nach vorn – blickte er nicht.
Verzweiflung, rief eine Stimme.
Aus dem Zimmer?
Aus dem Hirn?
Er fragte:
Wo – oder was – bin ich,
wenn ich solche Gedanken habe?
Bin ich noch Teil dieser Welt?
Was für eine Welt?
Du bist keine Welt.
Du hast keine.
Stimmen schrien:
Aufhören, aufhören.
Er war nur das Echo
dessen, was von ihm gedacht wurde.
Einsamkeit?
Du warst nie zweisam.
Welche Frau?
Welcher Baum?
Welcher Specht?
Verzweiflung lag in seinem Blick.
Er war nicht mehr da.
Aber irgendetwas war noch in ihm.
Vielleicht – der letzte Rest Wald.
Vielleicht nur – die Erinnerung an eine Tür.
Grünberg.
Grünberg.
Was hat es mit diesem Namen auf sich?
Er verstand seine eigenen Gedanken nicht.
War er wach?
War das ein Traum?
Ein Säufer im Delirium –
oder nur ein Schatten,
den ein anderer denkt?
Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht aufstehst,
sagte eine Stimme.
Aber ich stehe doch.
Nein, du stehst neben dir.
Wenn ich nicht stehe, wie kann ich neben mir stehen?
Welche Fragen fragst du? Du weißt nichts.
Der Teufel hat mich geritten, dachte er.
Ich bin eine mittelalterliche Figur, zerfressen vom Wahnsinn.
Ein Teufel stellt mich auf die Probe.
Ein Teufel interessiert sich nicht für dich, sagte die Stimme.
Armselig, flüsterte es.
Du hast mich armselig genannt.
Du hast gesagt, armselig.
Also existiere ich.
Du existierst nicht. Das Du ist nur ein Schatten von mir.
Wenn der Schatten von dir das Du ist,
dann bin ich trotzdem hier.
Grünberg.
Grünberg.
In den Momenten,
in denen ich glaube, dass ich sein könnte –
bin ich der Verzweiflung noch mehr ausgesetzt.
Ich spüre den Wind.
Ich schmecke.
Ich weiß, dass ich bin.
Aber wo ist der Sinn in all dem?
Der Sinn?
Der Sinn?
Du bist nicht der, der du bist,
aber du denkst, dass du es bist.
Was für ein Konstrukt.
Was für ein taumelndes Durcheinander.
Gib mir deine Hand.
Meine Hand?
Meine Hand willst du?
Hier.
Ich geb sie dir.
Wer hat das gesagt?
Ich geb sie dir.
Ich bin doch hier.
Siehst du mich nicht?
Öffne die Augen.
Öffne deinen Geist.
Lass mich hinein
in dein düsteres, finsteres Haus.
Ich geb dir meine Hand –
aber ich weiß nicht, wer du bist.
Anna.
Anna...
Woher kommt dieser Name?
Ich weiß –
es ist Bewusstsein.
Ich spüre die Hand.
Ich kann sie spüren.
Anna. Anna.
Wie ein Flüstern im Strom der Zeit.
Aber nicht greifbar.
Der Strom reißt mich fort,
bevor ich etwas tun kann.
Ich drifte.
Aber ich kann es fühlen.
Ich benenne mich.
Ich bin ein Ich.
Anna hielt seine Hand.
Sie hielt sie fest umschlungen.
Ihre Augen waren geschlossen.
Sie trauerte.
Man sah ihr das Leid an,
das sie mit sich herumtrug –
dieses drückende, langsam zerstörende Gewicht.
Schwerer und schwerer.
Sie spürte den Druck.
Sie spürte die Last dieses Mannes,
die sich durch ihre eigene Verkörperlichung
in der Annäherung vervielfachte.
Einst ... der einst ...
ja, was war er für sie?
Sie wusste.
Und sie wusste auch nicht.
Sie umschloss ihn –
sie umschloss jeden Finger,
einzeln und fest.
Sie schaute auf,
als sie die Lebendigkeit spürte –
ausgelöst durch einen Windstoß,
der ihr Haar streichelte.
Und dann –
dann öffnete er die Augen.
Und er sah –
zum ersten Mal,
in diesem nicht enden wollenden Augenblick
der inneren Zernichtung –
mit seinen eigenen Augen.
Anna!
Ist es ein Traum?
Sag mir, bin ich hier?
Bin ich wach?
Sehe ich dich mit meinen eigenen Augen?
Spüre ich dich mit meinen Händen,
mit meiner Haut?
Kann ich dich riechen?
Nehme ich dich wahr?
Fühle ich dich?
Ist mein Gehirn
Teil dieser Welt –
dieser Wahrnehmungswelt?
So viele Fragen,
die er nicht stellen konnte.
Sein Mund verweigerte sich.
Seine Augen sprachen kaum.
Aber seine Gedanken –
sie kollabierten nicht mehr.
Sie galoppierten – langsamer.
Immer langsamer.
Er wurde.
Und langsam löste sich
der grausame Nebel.
Der Nebel,
der ihn hatte erblinden lassen
und seinen Geist verborgen hielt.
Anna erschrak,
als Dr. Grünberg
seine Hand
auf ihre müde,
gebeugte Schulter legte.
Es ist wirklich spät geworden.
Die Sonne geht bald unter,
und es ist kühl.
Wir sollten wieder reingehen –
ins Zimmer.
Morgen ist auch noch ein Tag,
der diesem folgen wird.
Traurigkeit strömte aus Annas Augen.
Und hätte jemand
diesen Strom gesehen –
er wäre fortgerissen worden.
Hinab
in eine Mattigkeit des Lebens,
die die Leidensfähigkeit
der Seele
zerstört.
Sie ertrank – innerlich –
in ihrem eigenen, traurigen Strom.
In der sterbenden,
verzweifelten Ewigkeit,
die sie in sich trug.
Siebert schwieg.
Er wurde -
nur Kulisse.
Trotz seiner physischen Präsenz
war er nicht da.
Weit, weit fortgerissen.
Äonen entfernt.
Zwei Pfleger kamen –
herbeigerufen
durch den stillen Blick des Doktors –
und führten Siebert
in sein Zimmer zurück.
Anna S. erhob sich langsam.
Und obgleich sie nun
aufrecht stand,
wirkte sie kleiner
als jemals zuvor.
Siebert, Gott und Religion
Siebert öffnete die Augen. Seit seiner Kindheit hatte er keine Kirche mehr besucht. Er hatte seinen Glauben, so wie es die Kirche wohl sagen würde, schon längst verloren. Er war müde von all den Wortfetzen.
Dennoch hatte er sich an diesem Tag hierher verirrt, wie ein Schaf, das verloren gegangen war. Und somit passte er, in diesem Moment, zu dieser Stunde, in die Sakralliteratur von Gott, Papst, Kirche und Religion.
Er zweifelte nicht nur, er war ein Zweifler und ein Verzweifelter. Er hatte Nietzsche verstanden, seinen Ausruf "Gott ist tot", mehr als andere. Ethos- und Heilsformeln entrückten ihn mehr und mehr, wann immer sie ihm begegneten, weil er für sich erkannt hatte, dass menschliches Handeln, basierend auf ritualisierten Textlandschaften, im Zeugenstand der Geschichte entlarvt, entleert und ganz und gar gegensätzlich zur machiavellistischen Redewendung "verità effettuale della cosa" standen.
Die effektive Wahrheit der Dinge, dachte Siebert und musste schmunzeln, als er sich in der Kirche umsah. Von den Fresken mit ihren biblischen Szenen schweifte sein Blick zum erhobenen Altar mit dem Tabernakel – dem vergoldeten Schrein –, hinüber zum Taufbecken, weiter wandernd zum Beichtstuhl, der halb verborgen, mit schweren Vorhängen, seine Blickreise beendete.
Siebert erhob sich, und seine Schritte folgten dem Weg, den seine Augen bereits gegangen waren. Weihrauch lag in der Luft, während die Gesichter auf den Fresken, scheinbar durch Jahrhunderte blickend, auf ihn schauten und ihre Verzweiflung nicht mehr verbargen ob der Handlung, die er nun folgen ließ. Er öffnete fast mechanisch den schweren Vorhang.
Er trat in das Abteil, schob den schweren Stoff zurück, erblickte das kleine Kniebänkchen und kniete sich nieder. Dabei verzichtete er auf das Ritualisierte: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Mit diesem schweren Sakrileg begann er alsgleich, ohne Rückantwort abzuwarten, mit seiner Selbstvorstellung.
Siebert sagte: „Ich bin nicht hier, um zu beichten. Ich bin nicht hier, um mich zu erklären. Ich bin hier, um Wahrheit zu erfahren.“ Der Priester antwortete: „In Gottes Haus sind alle verlorengegangenen Schäflein willkommen.“
Siebert zuckte kurz innerlich, als er spürte, dass sich sein wacher, rebellischer Geist aufbäumte – zu einer Sintflut, die alles vom Menschen Gedachte, Gemachte hinfortreißen würde, sodass die Worte, die er eben vernommen, nie gesprochen, nie existiert, nie gehört worden sein konnten.
Pater, Priester, Pfarrer – Siebert versuchte, sich wiederzufinden und die richtigen Worte einzufügen. „Nun, da ich kein Schäfchen bin, suche ich nicht nach Gras.“ Er vernahm die beunruhigende Bewegung seines nur teilweise sichtbaren Gegenübers und fügte, bevor sich die Geräuschbewegung in Verbalität verwandeln konnte, folgenden Satz hinzu:
„Ich suche nach Wahrheit, die sich zeigt, wenn die Realität frei von moralisch idealisierten und selbsternannten Gottesgedankenvertretern sichtbar wird und der Mensch sein Sein im universellen Kontext erfahren kann, ohne Machtvorstellungsfantasien durch sich selbst oder andere ausgesetzt zu sein.“
Siebert erschrak, noch bevor der Nachhall des letzten Wortes verklungen war. Nicht über das Gesagte, nicht über das Gedachte. Ihm wurde urplötzlich klar, dass er Impulsgeber war – und auf einen Resonanzkörper traf, der nicht empfangen konnte.
Und noch bevor der Nicht-Empfänger antworten konnte auf eine Sendung, die er nie erwartet hatte, sprang Siebert auf, riss den Vorhang beiseite und verließ das Abteil.
Jenseits
Als sich die Tür öffnete, öffnete sich auch der weite Himmel. Die Sonne strahlte und kitzelte jeden und alles. Sie blinzelte verführerisch, kokettierend, ohne jedoch zu blenden.
Sie rief ihm etwas zu: „Bäume, Bäume, überall.“
Er blickte zurück …
Ein stämmiger Baum mit riesiger Krone, ein zweiter, dann ein dritter bildeten eine Gasse, bis sich ein ganzer Wald offenbarte.
Ein Specht trommelte zart und gekonnt melodisch gegen das Holz.
„Eine ganze Welt für uns, unsere Gedankenwelt“, flüsterte der Wind leise.
„Zweisamkeit“, rauschte es durch das prächtige Kronendach, gleich einem kaum wahrnehmbaren, flüchtigen Echo.
Der Wald zeigte sich in seiner ganzen herrlichen Pracht. Es duftete nach fröhlicher Lebendigkeit. Auf einer kleinen Lichtung lag eine sanfte, sonnengereifte Maienwiese, fast ganz und gar umschlungen von einem kleinen, fröhlichen Bächlein, das leise vor sich hin floss.
Die Sonne streichelte den Tag, und der zarte Wind umarmte beide. Die Krönung dieser süßlichen Naturkomposition bildeten Mai und Julius – namenlose Gezeitenreisende, eins mit allem, was sie umgab, verbunden durch Anfang und Ende, empfindsame Seelenverwandte.
Ihre Sternenaugen berührten das, was ihren Händen verborgen blieb. Während ihre empfänglichen, zartfühlenden Lippen sich flüchtig, fast zufällig begegneten, durchströmten und wechselten im selben Atemzug ihre Seelen die irdische Verkörperlichung des jeweils anderen.
Innigkeit in ihrer vollkommensten Daseinsform. Die materielle Substanz folgte der Körperlosigkeit, um zu entstehen.
**Anna S. empfing.**
Stille ist kein Zustand. Sie ist der Lärm, der sich nicht zeigt.
Zernistra ist nicht nur eine Figur.
Er ist ein Test für kollektive Bedeutungsgläubigkeit.
Ein Phantom, das umso echter wirkt, je leerer es bleibt.

Xenoxymoron: Das Paradoxe sucht keinen Ausweg.
Dr. Grünberg
„Name?“
„Siebert.“
„Ah, ja. Der Doktor erwartet Sie. Nehmen Sie doch bitte noch einen Moment Platz. Ich werde Sie dann alsbald ins Zimmer von Herrn Dr. begleiten. Es kann nicht mehr allzu lange dauern.“
Siebert starrte müde vor sich hin. Er hatte seinen Mantel nicht abgelegt, den Hut noch auf dem Kopf. Er hatte die Nacht über kaum geschlafen. Eigentlich schlief er so gut wie gar nicht mehr. Tabletten, Alkohol, Kaffee – das komplette Programm eines dem Abstieg ausgelieferten Menschen. Exemplarisch verfalls-zerfallsoptimiert mit Entzerbrechungs-Bestimmung.
Seine Hände schwitzten. Seine Augen zusammengekniffen.
Er wollte trinken, er hatte getrunken, und er würde wieder trinken, sobald er diesen Wiederbereinigungsort für Verkommenheitsseelen und Geistesverschmutzte verlassen würde.
*Ich brauche mehr Tabletten. Ich muss Grünberg bitten, ich muss ihn zwingen, mir mehr Tabletten zu geben.*
Diese leeren, absonderlichen Gedankenlostage, dieses ständige Weggleiten, das Abdriften in Abwesenheitskonstrukte ohne erkennbaren Anlass.
*Ich ertrage diese schwankende Existenzlosigkeit nicht mehr lange.*
„Ich muss…“
„Herr Siebert? Der Doktor erwartet Sie jetzt. Bitte folgen Sie mir.“
Siebert folgte der Schwester ins Zimmer des Doktors wie ein Waggon eines Güterzuges. Willenlos, mechanisch, verkoppelt und doch zielgerichtet.
Dr. Grünberg saß an seinem Schreibtisch. Er hob nicht den Kopf, als die Schwester Siebert ins Zimmer leitete. Erst als die Schwester ihn ansprach, hob er – fast beiläufig – den Kopf. Nahm seine Brille ab. Reusperte sich. Nickte der Schwester zu und sagte im selben Augenblick: „Danke, Schwester. Sie können jetzt gehen.“
Dabei wandte er den Blick zu Siebert und delegierte ihn mit einer leichten Handbewegung – auf eine Couch mit Sesseln zeigend, die sich in unmittelbarer Nähe seines Schreibtisches befand – Platz zu nehmen.
Siebert zögerte für einen Augenblick. Er schien unschlüssig. Das Unbehagen in ihm verstärkte sich. Erst als die Schwester die Tür hinter sich schloss, nahm er seinen Hut ab und setzte sich auf den ihm zugewiesenen Platz.
Dr. Grünberg erhob sich im selben Moment, als Siebert Platz nahm. Langsam ging er auf Siebert zu.
Siebert saß, den Körper nach vorne gebeugt, sich mit den Ellenbogen auf den Beinen abstützend, auf einem Sessel mit Rautenheftung und aufgerollten Armlehnen, Marke Chesterfield. Und es wirkte, als würde er sich fürchten, sich nach hinten zu lehnen – im riesigen Sessel zu versinken und von ihm verschlungen zu werden.
„Guten Tag, Herr Siebert. Wie geht es uns denn heute?“
„Ich habe mich gerade mit Ihrer Akte beschäftigt und mir das Gespräch vom letzten Mal in Erinnerung gerufen. Haben Ihnen die Tabletten geholfen? Können Sie besser schlafen?“
Siebert reagierte fast wie der Pawlowsche Hund, als er das Wort *Tabletten* vernahm.
Bedingt durch diesen Konditionierungseffekt begradigte Siebert seine vorgebeugte Position, wobei sich seine Arme von den stützenden Beinen lösten und er jene scheinbar ruhig – als wäre es das Allergewöhnlichste von der Welt – auf die Armlehnen ablegte, wobei er sanft nach hinten glitt, um seinem geschwächten, gebeugten Rücken Haltung zu geben.
„Es geht mir nicht gut, Herr Doktor“, sagte Siebert. Und im gleichen Moment öffnete er seine zur Faust geballten, verschwitzten Hände, sodass er das kalte Chesterfield-Leder der Armlehne spürte.
Ein kurzer Gedanke huschte Siebert durch seine Gehirnwindungen, das ihm fast ein krankhaftes Lachen aufsteigen ließ. *Was wäre*, dachte Siebert, *wenn sich meine feuchten Hände auf den Sessellehnen verewigen würden? Vielleicht wären dies die einzigen echten Spuren meiner Anwesenheit und somit meiner lebendigen Existenz, die ich an diesem Ort hinterlassen würde.*
Doch der Gedankenfetzen verschwand wieder, noch bevor sich das Lächeln veräußerlichte, als sich Grünbergs und Sieberts Blicke zum ersten Mal an diesem Tag trafen.
„Nun, ich meinte, Herr Doktor“, während sich dieser auf die Sessellehne des anderen Sessels setzte und Siebert taxierte. „Ich schlafe schlecht und ich brauche… Ich brauche… mehr Tabletten.“
Grünberg beugte sich von der erhobenen Position, die er immer noch inne hatte, leicht nach vorne, seine Brille zurechtrückend, und sagte: „Wir werden sehen. Wir werden sehen, mein Guter. Erzählen Sie mir doch etwas über die letzten Tage.“
Sieberts Hände verkrampften sich wieder. Er versuchte, weiter zurückzurücken. Doch das konstruierte Konstrukt hinderte ihn, zu entkommen.
„Ich… Ich habe immer diese Gedanken… Diese Gedanken, die keine sind. Manchmal bin ich an einem Ort, so scheint es mir, und dann an einem anderen. Und ich weiß nicht, an welchem Ort ich mich wirklich befinde.“
„Interessant. Interessant, Siebert. Erzählen Sie weiter. Immer weiter.“
Siebert versuchte, den Worten des Doktors zu folgen, so wie dem Schein einer Taschenlampe im Dunkeln.
„Verstehen Sie, ich bin an Orten, an denen ich nicht bin. Und doch bin ich da.“
Seine Stimme brach. Und sein Blick versank im endlosen Boden des mit Bidjar-Teppich ausgekleideten Konsultationsraums.
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