Streetart on a lampoon near Berlin Funkturm

Xenoxymoron: Zwischen den Zeilen der digitalen Dissonanz

Ein Versuch. Zwischen Wort und Wirkung.

Unbenannt genannt
durch die Wellen der Zeit,
Wind
rauschen, im Regen nass,
vergessensgewusst,
gebeugt im Sonnengerausch der Stilldunkelheit.

Zäsur

Der Vogel sah und ihm war klar, dass er am Ende war.
So ging er dann mit schnellem Schritt und jemand traf ihn im Genick.
So viel er um und wart nicht mehr.
Nun geht der Vogel auch nicht mehr.

Kommt er noch – oder ist er schon da gewesen?

Ich weiß nicht, warum er gesagt hat,
er würde kommen.

Aber ich weiß,
warum er nicht mehr hier ist.

Er sagte,
er wolle gehen.
Aber vielleicht kommt er noch.

Wenn er kommt,
dann ist er nicht mehr hier.

Sollte er hier gewesen sein,
dann kommt er nicht mehr.

Aber nun,
wo er nicht hier gewesen ist,
braucht er auch nicht mehr zu kommen.

J.L.

Menschen, die alles haben und nichts mehr sind

Sitzend,
stehend,
gehend
im Zivilisationskomplex.
Marschierend,
pallierend,
regierend.
Zensierend.
Im Algorithmus-Defekt.
Reservierend,,
rekrutierend…
reduzierend.
Im Humanismus-Exzess.

Ein Partizipien-Stück in d-Moll.

Die Augen geschlossen,
die Ohren zu,
der Mund weit offen,
doch trotz dem Geschreie
herrscht überall Ruh.

Getrieben von HABEN – WOLLEN.

Wo Konventionen Pause machen.

Unbekannt an Unbekannt
Meine Gedanken und Gefühle –
hinfortgerissen im Meer–mehr des Social-Media-Feeds:
zwischen Katzenvideos und
„Wie schält man eine Avocado?“

Gespielte Rührsinnigkeiten
auf präpariertem Briefpapier,
in Pseudohandschrift verfasst –
ein Sonnenuntergangs-Szenario
in fremdgedanklicher Komposition,
untermalt mit Lofi-Musik.

„Wünsch ich an Hoffnungen so reich zu sein
Wie Andre, vielbefreundet…“
— Shakespeare, Sonett 29

Nicht Innovation. Irritation.

„Am größten ist das Glück, wenn es ganz klein ist.
Deshalb würde ich, wenn ich mein Leben aufschreiben müsste, nur Kleinigkeiten notieren.
Wie froh es mich macht, deine Stimme zu hören, wenn du singst,
oder einfach nur zu spüren, wenn du mit deiner Hand durch meinen Nacken fährst.
Ich glaube, dass die Herrlichkeit des Lebens immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt –
aber verhängt, in Tiefe, unsichtbar.
Ruft man sie mit dem richtigen Namen, dann kommt sie.“
– Franz Kafka

"Wer behauptet, er interessiere sich nicht für Privatsphäre, weil er nichts zu verbergen habe, verhält sich genau wie jemand, der sagt, Meinungsfreiheit sei ihm egal, weil er nichts zu sagen hat."


Ozymandias

I met a traveller from an antique land
Who said: — Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert... Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed
And on the pedestal these words appear
‚My name is Ozymandias, king of kings
Look on my works, ye Mighty, and despair!‘
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.


Übersetzung:
Ein Wandrer kam aus einem alten Land,
Und sprach: „Ein riesig Trümmerbild von Stein
Steht in der Wüste, rumpflos Bein an Bein,
Das Haupt daneben, halb verdeckt vom Sand.

Der Züge Trotz belehrt uns: wohl verstand
Der Bildner, jenes eitlen Hohnes Schein
Zu lesen, der in todten Stoff hinein
Geprägt den Stempel seiner ehrnen Hand.

Und auf dem Sockel steht die Schrift: ‚Mein Name
Ist Osymandias, aller Kön’ge König: –
Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!‘

Nichts weiter blieb. Ein Bild von düstrem Grame,
Dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig
Die Wüste sich, die den Koloß begräbt.“

Ozymandias ist der Titel eines berühmten Gedichts von Percy Bysshe Shelley aus dem Jahr 1817

Blade Runner

“I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder
of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the **Tannhauser Gate**. All those moments will be lost in time like tears in rain.

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem **Tannhäuser Tor**. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

James Baldwin

„Alle westlichen Nationen wurden der Lüge überführt! Der Lüge ihres angeblichen Humanismus. Damit hat ihre Geschichte keine moralische Rechtfertigung und der Westen keine moralische Autorität. “

Ingeborg Bachmann

Meine Wüste, meine einzige, meine sanfte Vorhölle, meine Erlösung.

1883

Die Welt schert es nicht, ob du stirbst. Sie will deine Schreie nicht hören.  Wenn du auf die Erde blutest, saugt sie das Blut auf. Es kümmert sie nicht, dass du verletzt bist.

Victor Hugo

Es gibt eine Mattigkeit des Lebens, die bedrohlicher ist als der Schmerz, denn sie folgt auf den Schmerz, wenn die Leidensfähigkeit der Seele erschöpft ist.

Image ("Spiegelbild"):

"Tonight I saw myself in the dark window as / the image of my father, whose life / was spent like this, / thinking of death, to the exclusion / of other sensual matters, / so in the end that life / was easy to give up, since / it contained nothing".

Übersetzung:

"Heute Abend sah ich mich im dunklen Fenster als / das Bild meines Vaters, dessen Leben / so verbracht wurde, / an den Tod denkend, bis zum Ausschluss / anderer sinnlicher Materien, / sodass am Ende dies Leben / leicht aufzugeben war, / denn es enthielt nichts".

Louise Glück Literaturnobelpreisträgerin 2020

Sehnsucht

Ihre Arme umschlingen den Mondenschein

Und ringen nach den Sternen,

Die Augen wühlen sich in die Nacht,

in kalte leblose Fernen.

Und es umkrallt die bettelnde Hand

Den tauben Stein, den toten Sand,

zermalmt von verzweifeltem Sehnen.

Ertrinkend in Sehnsucht und Tränen.

- Max Dauthendey, 1867-1918

Shakespeare

Wenn ich, von Gott und Menschen übersehn,

Mir wie ein Ausgestoßener erscheine,

Und, da der Himmel nicht erhört mein Flehn,

Dem Schicksal fluche und

mein Loos beweine:

Wünsch ich an Hoffnungen so reich zu sein

Wie Andre, vielbefreundet, hochgeboren -

In Kunst, in Freiheit Manchen gleich zu sein,

Unfroh bei dem was mir das Glück erkoren.

Zur Selbstverachtung treibt mich fast mein Sorgen,

Doch denk ich Dein, ist aller Gram besiegt -

Der Lerche gleich' ich dann, die früh am Morgen

Helljubelnd auf zum goldnen Himmel fliegt.

So macht Erinnerung an Dein Lieben reich,

Daß ich's nicht hingäb' um ein Königreich.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne;

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Wenn die Welt untergeht, weiß ich wenigstens, auf welchem Kanal.

The algorithm already knows you want to

Where Do We Go, Now That They're Gone

Das kleine Röslein

Prolog
Das Röslein stand allein im Wald,
ganz unbedarft, mit sich und der Welt im Reinen.
Die Sonne war grad eben erwacht
und brachte ihr Nahrung nach der langen Nacht.
Ein Schmetterling gesellte sich zu ihr
und liebkoste sie mit seinen zarten Beinchen.

Monolog
Es kitzelt mich, es stichelt mich, es wundert mich,
dachte die Rose.

Der Schmetterling erhob sich fort nach einem anderen Ort,
doch nahm er den Blütenstaub vom Rösleins Blütenhort.

Das Röslein dacht:
Nun steh ich wieder ganz allein,
am Tag wie auch bei Nacht.

„Die Freiheit der Rose liegt nicht darin,
dass sie tun kann, was sie will,
sondern dass sie nicht tut, was sie tun muss“,
rauschte es im Wind.

Was muss ich tun, um nur zu sein?
Ist’s nicht genug, nur hier zu sein?
Ich bin ein Röslein, schön und fein,
doch bin ich immer nur allein.
Ich sollte gehen, tanzen, schreien.
Doch das ist nicht mein Sein.
Die Freiheit ist’s mir nicht genug,
denn ist mein Anblick doch nur Trug.
So müsste ich ändern nur mein Schein?
Dann wäre ich wirklich mehr als Sein.

Ein Bienchen kam und setzte sich
und trank sich satt in ihrem Schoß.
Ein Windstoß hob das Bienchen fort,
und einsam stand das Röslein fort.

Das Röslein hat schon lang gelebt,
doch hat es nur den höchsten Tag gezählt.

Die Sonne hoch und brennt am Himmelsfirmament –
doch der Bäume starkes Schattenzelt
beschützen Rösleins zarten Blütenkelch.

Ein Fuchs stellt sich dann auch noch ein
und schnüffelt wild am Rösleins Stengelein.
Doch Stacheln bohren sich ins Näslein ein,
so lässt der Fuchs das Röslein sein.

Das Röslein denkt:
Nun leg ich ab die Blütenpracht,
dann wär mein Sein nicht nur noch Schein.
Es rüttelt sich und schüttelt sich.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier –
die Blüten fallen ab von ihr.
Die Blätter schmeißt sie auch gleich fort,
so ist sie nackt an diesem Ort.
So steht sie nun ganz nackt und frei
und denkt: Nun bin ich mehr als nur noch Schein
und muss nicht tun, was ich tun muss,
so bin ich endlich frei!
Alleine war ich lang genug,
doch fort ist nun des Elends Trug.

Die Nacht verging, die Sonn’ ging auf.
Dem Röslein fiel es auch gleich auf.
Die Sonne brennt, der Durst so groß,
der Hunger auch.
Ein Schmetterling, der flog vorbei,
die Biene tat es einerlei.
Das Röslein denkt, das Köpfchen senkt:
Ich wollt nicht tun, was ich tun muss,
um frei zu sein, nun bin ich frei,
doch werd nicht länger sein.

Epilog
Das Röslein steht nicht mehr- im Wald.
Die Sonne scheint noch immer halt.
Der Schmetterling der fliegt
umher.
Die Biene summt noch frei
herum.
Der Fuchs der schnüffelt weiter rum.

J.L.

Ich bin zersprungenes Glas, funkelnd in meinen Rissen, gehüllt in einen Geist.

aus dem Netz gefallen

text

Wenn Struktur zum Käfig wird und später zur Religion

Der Fuchs mit seiner ganzen Brust
ging stolz umher und war’s bewusst.
Die Brust so breit und stark geschwellt,
dass es ihm innerlich nicht mehr zusammenhält.
Es bläht, es drückt, so fürchterlich…
Der Fuchs entrückt, doch merkt er’s nicht.
Doch ging er weiter unverdrußt,
doch drückte ihm noch mehr die Brust.
So lief er schneller immer zu
und plötzlich war die Brust schon zu.
Es machte Peng, und siehe da,
der Fuchs verschwand nicht ganz galant,
so wie er kam – ganz uncharmant.
Und die Moral von der Geschicht’?
Brüste tragen Füchse nicht.

Olywmpe de Gouges,

kurz vor ihrem Tod schrieb sie…
Unerschrocken, bewaffnet mit den Waffen der Redlichkeit, trete ich euch entgegen und verlange von euch Rechenschaft über euer grausames Treiben. Ich sterbe unschuldig!

Erschöpfung, Körperferne, Vergleichen- Scham , Versagensangst, Informationsüberflutung

Wir sitzen gnadenlos in der Falle zwischen dem, was wir gerne wären und dem, was wir tatsächlich sind.
Und wir können unmöglich werden, was wir gerne wären solange wir nicht bereit sind, uns zu fragen warum viele der Leben, die wir auf diesem Kontinent führen, so leer, so angepasst und so hässlich sind. … sie untergraben auch die Fähigkeit, mit der Welt so zurecht zu kommen, wie sie ist. Und mit uns selbst, so wie wir sind.
Aus James Baldwin I’m not your Negro

„I don’t want to belong to any club that would accept me as a member.“

Groucho-Marx

Ein Monolog für eine taube Welt

Ich schaue mich um in dieser Welt – voller Stimmen, voller Geräusche –
und ich höre nichts.
Nur Echos von Egos, die sich selbst besingen,
in Endlosschleifen aus Belanglosigkeit.

Jeder ist individuell –
im exakt gleichen Tonfall.
Jeder ist gegen den Strom –
in einer Flut aus kalkulierter Rebellion.
Jeder hat etwas zu sagen –
aber keiner hat etwas gehört.

Und ich?
Ich sitze hier,
und der Regen fällt auf mein Gesicht,
aber keiner sieht, dass ich weine.

Die Menschheit hat sich selbst verkauft –
an Algorithmen,
an Aufmerksamkeit,
an die Illusion von Bedeutung durch Sichtbarkeit.

Menschen posten, dass sie wach sind.
Dreimal in der Nacht.
Und die Welt klatscht.
Nicht, weil es wichtig ist.
Sondern weil es funktioniert.

Wir leben im Zeitalter der selektiven Verdummung:
Jeder kann denken, aber keiner will.
Jeder könnte verstehen, aber das Scrollen ist einfacher.
Und der, der innehält –
der gilt als gestört.

Aber wir leben in einem Kindergarten aus Memes,
in dem der lauteste Schreihals gewinnt
und der Klügste schweigt,
weil keiner mehr zuhört...